Bei der ersten Ansprache der Akademieleitung auf der Deutschen Schülerakademie in Waldenburg 2026 nannte sie die Akademie ein Raumschiff. Abgeschnitten von der restlichen Welt. Isoliert und schwerelos. Die Zeit würde dort anders vergehen als anderswo. Wie Recht sie damit hatte…
Manche nennen die Zeit der Akademie eine „Utopie auf Zeit“, andere „Best time of my life“ und wieder andere, Leute wie ich, könnten diese Zeit gar nicht in Worte fassen.
Doch was macht diese Zeit so besonders? Ist es nicht Schule in den Ferien? Warum tut man sich das an?
Um das alles zu beantworten, fange ich am besten ganz von vorne an. Alles begann für mich mit Erzählungen von Freunden, Bekannten, Mitschülern, Lehrern über ein Projekt für begabte, motivierte Schüler aus Deutschland und der Welt, in dem weiterführende Inhalte mit anderen intelligenten Jugendlichen behandelt würden. Von einer Lehrerin erhielt ich bereits letztes Jahr Formulare und Broschüren über die Schülerakademie, ich jedoch konnte leider aus Zeitgründen nicht. Ich bekundete aber mein Interesse für das nächste Jahr und so kam es auch. In diesem Jahr hatte ich Zeit und wurde mit einem Schreiben meines Tutors vorgeschlagen und von der Akademie angenommen. Anschließend durfte ich mir fünf Präferenzkurse aussuchen. Die Auswahl fiel mir erstaunlich schwer, schienen doch alle Kurse interessant zu sein. Mit tatkräftiger Unterstützung meiner Lehrer konnte ich mich aber für den Kurs 6.1 Paradoxien, Antinomien und Widersprüche entschieden. Wenige Monate vor der Akademie erhielten wir die Möglichkeit, mit anderen Teilnehmenden in Kontakt zu treten, was ich einerseits zur Reiseplanung und für Fahrgemeinschaften und andererseits zum Kontakteknüpfen nutzte. Im Voraus wurde uns Material zum Kurs bereitgestellt, womit wir Referate vorbereiten sollten. Um ehrlich zu sein, hatte ich die Angst, dass dort nur Nerds und hyperintelligente Leute sein würden, also mit anderen Worten: Leute, mit denen ich nicht würde mithalten können oder mit denen ich mich nicht verstehen würde. Mein Referatspartner aus Leipzig überzeugte mich schnell vom Gegenteil, weswegen ich anschließend mit freudiger Erwartung und weniger Angst der Akademie entgegensehen konnte. Es stellte sich heraus, dass so gut wie alle diese unbegründete Angst gehabt hatten.
Auf der Hinfahrt konnte ich mit zwei anderen, aus der Nähe kommenden Teilnehmenden Kontakt knüpfen und auch sie stellten sich als sehr nette und offene Personen heraus.
In Waldenburg in Sachsen angekommen sollten wir eine Rallye machen, die sich als sehr nützlich zum Geländeerkunden eignete. Nun kommen wir zu dem ersten Plenum, in dem die Akademieleitung die Raumschiffansprache an uns hielt. Auch hier muss ich ehrlich gestehen, dass ich ihr nicht glauben konnte. Wie sollten wir denn von der restlichen Welt abgeschnitten sein, wenn wir doch alle Handys, iPads, Laptops, … hatten?
Die nächsten Tage folgten einem recht ähnlichen Zeitplan: morgens bis 8:30 Uhr Frühstück, anschließend eine knappe halbe Stunde Plenum, dann 2 Std Kurs, eine halbe Stunde Kaffeepause, 2 Std Kurs, Mittagessen, 2 Std Zeit für KüAs, 30 min Kaffeepause, 2 Std Kurs, Abendessen, Zeit für KüAs und Schlafengehen. KüA steht hier für Kursübergreifende Angebote, d.h. Sport wie Volley- oder Fußball, Musik wie Chor oder Orchester, Handwerkliches, … eigentlich alles, was man sich vorstellen kann. Die Bedingungen waren, dass die KüAs von den Teilnehmenden oder den Kursleitern angeboten und durchgeführt werden mussten, die Materialien nicht den finanziellen Rahmen sprengen sollten, keiner ausgeschlossen wurde und es keine Schäden für Personen oder das Gelände gab (Wir mussten für eine Spray-KüA auch einen Prozess führen, der wegen Missverständnissen zustande gekommen war und den wir dank der tatkräftigen Unterstützung aller Teilnehmenden gewinnen konnten. Hierbei wurde viel gelacht und ein eigenes KüA-Gesetz nur für diesen Prozess verfasst). Über die Zeit der Akademie wurde davon reichlich Gebrauch gemacht. Die musikalischen KüAs wurden von einem Kursleiter übernommen, der nur die musikalischen Angelegenheiten Teil der Akademieleitung war. Zusammen mit ihm arbeiteten der Chor, der Kammerchor, das Orchester und die Band auf das am vorletzten Abend anstehende Konzert hin.
Der Zeitplan mag für den ein oder anderen etwas stressig und so gar nicht nach Ferien klingen und da mögen sie auch in gewisser Weise Recht haben. Die 6 Std Kurs am Tag waren hart und wir wurden teilweise von den beiden Kursleitern, die selbst auf der Akademie waren und aktuell an Universitäten lehren, stark gefordert, aber auf eine gute Art. Nicht wie in der Schule mit Frontalunterricht und Notenvergabe, sondern in Gruppenarbeiten, einem offenen Lernklima und einem enormen Zusammenhalt innerhalb des Kurses. Dadurch, dass niemand irgendjemanden richtig kannte, haben sich schnell Freundschaften gebildet, und da alle sehr herzlich, offen und freundlich waren, entwickelten sich mit fast allen Personen Freundschaften.
In den ersten vier Tagen haben wir im Kurs über die verschiedenen Referatsthemen geredet und debattiert. Diese gingen von Argumentationsstrategien in der Philosophie über den Satz von Cantor, unendliche Mengen bis zu Meta- und Objektsprache.
Der sechste Tag (inklusive Anreise) war der erste kursfreie Tag. An diesem Tag standen Exkursionen an. Hierzu konnte man sich für verschiedene Angebote eintragen. Es gab eine Tour nach Leipzig, eine Wanderung zu einem Schloss, eine Tour durch Waldenburg und eine Wanderung zu einem Baggersee. Bei letzterer durfte ich dabei sein und gemeinsam mit den anderen Teilnehmenden wanderten wir die knapp 22 km redend, Musik hörend und leicht sonnenverbrennend. Dort angekommen durften wir in den See springen, was wir auch fleißig taten. Am Abend wurde gegrillt und zusammen draußen gesessen.
Die nächsten drei Tage Kurs waren mit der Vorbereitung auf die anstehende Rotation belegt. Bei der Rotation handelt es sich um einen Tag, an dem eine Kleingruppe aus einem Kurs anderen Kleingruppen aus den anderen Kursen (es gab insgesamt 6 Kurse in Waldenburg) die Themen ihres Kurses in Form eines knapp 30-minütigen Vortrages inklusive Diskussion(en) näher bringt.
Am Abend gab es dann noch ein kleines Sportturnier, an dem alle Kurse gegeneinander und gegen ein Team aus Kursleitern antraten. Anschließend gab es eine bis 4 Uhr andauernde Party. Glücklicherweise war der darauffolgende Tag ein Sonntag, da wir an Sonntagen bis zum Mittagessen ausschlafen durften (oder morgens KüAs machen, wie eine Ins-Schwimmbad-gehen-KüA).
Die nächsten vier Tage mussten wir im Kurs unsere Dokumentation verfassen. Das ist ein wissenschaftliches Papier über die behandelten Themen unseres Kurses und über weiterführende, uns interessierende und zum Kursthema passende Themen. Ich habe zum Beispiel einen Beitrag über Modallogik und das Maximalitätsparadoxon von möglichen Welten geschrieben.
Das war tatsächlich der anstrengendste Teil der Akademie. Seit knapp 2 Wochen hatte nicht nur ich durchschnittlich weniger als 6 Std pro Tag geschlafen (ich hatte noch mit den meisten Schlaf). Außerdem wurde jedes noch so kleine Detail unseres Textes verbessert, das in den Augen der Kursleiter zu ungenau, falsch oder unnötig war. (Es war aber eine ganz gute Übung für das Studium, I guess.)
Der nächste Tag war dann schon (leider) der vorletzte Abend, an dem das wirklich bezaubernde Konzert stattfand. Neben allen Kursleitern und Teilnehmenden waren auch einige Bewohner Waldenburgs, die sich mit unter die letzten Tage über den Lärm beschwert hatten (die Polizei hatte zwei Mal bei der Akademieleitung angerufen), in der Kirche anwesend. Und der vorletzte Tag bestand aus Abschiedbriefeschreiben (ich halte weiterhin den Rekord mit 40 Stück) und Aufräumen. Es mag jetzt wohl niemanden mehr wundern, dass viele der Teilnehmenden die Nacht durchgemacht haben.
Skeptiker werde ich mit diesem Bericht wohl nicht überzeugt haben und eine befriedigende Antwort auf die am Anfang gestellten Fragen ist er auch nicht. Ich bin nicht gut darin, meine Erfahrungen so weiterzugeben, dass andere sie nachvollziehen können, aber zumindest haben jetzt alle einen Einblick. Für mich persönlich war die Akademie mit den Kursen und den Aktionen ein Ort, an dem ich mich wohl gefühlt habe, ein Ort, an dem Leute waren, mit denen ich mich perfekt verstanden und ergänzt habe, ein Ort ohne Streit, ohne Druck, ohne all das Schlechte in der Welt. Ein Ort voller Freude, voller Freunde. All die Menschen, die ich dort getroffen und mit denen ich Freundschaft geschlossen habe, werde ich nie vergessen. Das ist wohl auch der Grund, warum kein Auge beim Abschied tränenleer geblieben ist. Es ist wahrscheinlich der Grund, warum auch Tage später alle noch traurig der Zeit nachsinnen und sagen, 17 Tage waren zu kurz. Und ja, ich war tatsächlich abgeschnitten. Nicht, weil ich mein Handy oder Ähnliches nicht hatte, nein, weil ich dort alles hatte, was ich brauchte, und Angst hatte, etwas zu verpassen. Ich hatte schlichtweg keine Zeit, mich zu melden. Die Akademie ist eine der schönsten, wenn nicht sogar die schönste Zeit meines Lebens gewesen und ich kann jedem nur empfehlen, wenn er oder sie die Möglichkeit, dort hinzufahren, bekommt, sie zu ergreifen. Egal, was man denkt oder wie viel Angst man hat.
Deswegen auch hier ein herzliches Dankeschön an alle, die mir dieses Erlebnis ermöglicht haben: Frau Schmidt, mein Tutor Herr Schmitt, Frau Buhrmester, der Verein Bildung und Begabung, alle Kurs- und Akademieleiter und natürlich alle Teilnehmenden.
Die Akademieleitung sagte immer wieder, dass Außenstehende nie würden begreifen können, was die Akademie sei und was sie uns bedeute. Ich habe Euch und Ihnen hiermit die Möglichkeit dazu gegeben. Machen Sie was draus!




